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WWK-Hauptgebäude, München, Marsstraße

Anschauungsbeispiele zum Menschlichen Maß (2)


von
Gerd-Lothar Reschke




Die Beispiele beziehen sich auf den vor kurzem (ca. 2000) gestalteten Innenhof des WWK-Hauptgebäudes, München, Marsstraße, unmittelbar neben dem Cirkus Krone gelegen. Es handelt sich dabei um das Verwaltungsgebäude einer Versicherung (frühere Witwen- und Waisen-Kasse).

Daß auf sämtlichen nachfolgend gezeigten Bildern immer wieder erhebliche Anteile von Grün zu sehen sind, ist kein Zufall. Sondern auf sehr ansprechende, einfühlsame Weise wurde hier ein Zusammenklang geschaffen zwischen erheblichen Anteilen moderner Architektur (große weiße Fassade, viele Glasflächen, helle Metallflächen), die männliche Energien verstärken, und weibliche Kräfte betonenden Elementen wie Pflanzen und Wasser. Zum zweiten Aspekt tragen auch die z.T. in warmem Backstein gehaltenen Wege bei.



Springbrunnen, Halbrund, Lüftungsschächte

Das auf den ersten Blick vielleicht nüchtern und simpel erscheinende Arrangement in Bild 1 weist einige sehr gut durchdachte Komponenten auf: Das Halbrund besteht nicht, wie man denken könnte, aus einer homogenen Wand, sondern aus Stelen, die Zwischenräume aufweisen, durch die Grün wächst bzw. zu sehen ist. Die Stelen bündeln und verstärken die Kraft des Platzes, die vom stark und frisch sprudelnden Springbrunnen gespeist wird.
Grundsätzlich ist an dieser Stelle zu betonen, daß das Element Wasser in dieser WWK-Anlage nicht nur als untergeordnete Dreingabe auftritt, sondern daß ihm ein bevorzugter Platz zugewiesen wird. (Man beachte z.B. die Treppenstufen.) Ferner fließt das Wasser entlang einer Rinne ab, entlang der Ruhebänke aufgestellt sind, so daß eine Erholungszone geschaffen wurde, die als Anziehungspunkt wirkt.

Besonders interessant ist die Einbeziehung der Lüftungsschächte, die hier ganz souverän den Charakter von Kunstwerken annehmen und wunderbar ins Ensemble integriert sind (man beachte die abgeschrägten Köpfe). Außerdem stehen sie im Abflußteich des kleinen, aus dem Springbrunnen gespeisten Baches — durch die gut proportionierte Distanzierung wird wiederum Kraft aufgebaut und ein weiterer, durch absteigende Treppenstufen akzentuierter Erholungsraum kreiert.
Bild 1, WWK, München


Bild 2, WWK, München


Bild 3, WWK, München


Innenhof

Der Innenhof schafft einen erfrischenden Ausgleich zu den auf drei Seiten kühl und nackt nach oben steigenden, großflächigen und daher hart wirkenden Gebäudefassaden. Er ist in Form eines Laubenumganges gestaltet. Interessanterweise wurde durch eine nach unten abgesetzte Bodenkante, die an der Gebäudefassade umläuft, noch einmal die symbolische Trennung zur Energie des Verwaltungsbauwerkes betont. Auch hier wieder wirken die stelenartigen Pfosten der Laubenkonstruktion kraftspendend. Die ästhetische Befestigung der Holzträger verdient Beachtung; man könnte sogar an Zen-Anklänge denken.

Insgesamt sorgt die ruhige, unspektakuläre Gestaltung des Innenhofs für einen Ruhepunkt; sie lädt die im Gebäude herrschenden männlichen Energien auf geschickte Weise ab.
Bild 4, WWK, München


Begrünung der Fassadenfront

Nebenstehendes Bild illustriert noch einmal im Detail, wie die harte Ausstrahlung der — gleichwohl angenehm hellen, offenen, kommunikativen — Fassade durch die Anpflanzungen im Vorbereich aufgelöst wurde. Und zwar wurden in roten und weißen Farben blühende Büsche und Sträucher, z.B. auch Heckenrosen eingesetzt.
Bild 5, WWK, München


Im Untertitel wurde von einem Anschauungsbeispiel für die Anwendung des Gesichtspunktes vom Menschlichen Maß gesprochen. Inwiefern trifft das hier zu? Ich verstehe unter Menschlichem Maß nicht nur numerische Proportionen, sondern mindestens genau so wichtig ist die Berücksichtigung der Bedürfnisse des Menschen bzw. der menschlichen Natur. Wir haben hier eine ausgesprochen moderne Gebäudekonzeption vor uns, und doch wirkt alles menschenfreundlich und entspannend. Die gezeigten Beispiele belegen, auf welche Weise eine derartige Wirkung erzielt werden kann. Und zwar ist es nicht einfach nur eine Frage zusätzlichen Aufwandes und höherer Kosten, wie oft behauptet wird. Sondern die Hauptfrage ist vielmehr diese: Machen sich die Planer überhaupt Gedanken, solchen Gesichtspunkten Rechnung zu tragen? Planen sie nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit Herz und Bauch?

Das hier vorgestellte Beispiel des WWK-Baus zeigt, daß auf heilsame Wirkung Wert gelegt wurde. Mit relativ einfachen Mittel wurde das erreicht. Die Menschen werden es schätzen.

— Gerd-Lothar Reschke —
7.8.2002

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