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Religiöse Architektur

Eine Neudefinition auf der Grundlage von Wirkung
anstatt von Ideologie


von
Gerd-Lothar Reschke




Was ist religiöse Architektur? Bislang war die Antwort hierauf ganz einfach: Religiös waren Gebäude dann, wenn sie religiös genutzt wurden — und wenn sie mit religiösen Emblemen und Insignien versehen waren. Ferner, im Falle der Kirchen, wenn es Kirchtürme gab und Kirchen-Innenräume der bekannten Art. Zuerst kam die Geisteshaltung, dann die Betrachtung. Man hatte vorher schon festgestetzt, was wie aufzufassen war.

Diese Art der Kategorisierung hat sich in unser aller Denken eingegraben. Zuerst kam der mentale Einordnungsvorgang, dann die Zuordnung als religiöses Bauwerk. Ich halte das für einen Ansatz der alten Religion und da die alten Religionen früher oder später verschwinden werden — wir befinden uns gerade, von vielen noch nicht bemerkt, in einer Phase heftigen Umbruchs, wie er (so ist das immer) der Mehrzahl der Menschen erst nachträglich wahrnehmbar werden wird —, schlage ich hiermit eine Neudefinition vor. Aber eben keine mentale, keine kunst- oder kulturhistorische, sondern eine genuin architektonische.


Ich zäume nämlich das Pferd genau umgekehrt auf und definiere das als religiös, was religiöse Wirkung hat, und zwar authentisch religiöse Wirkung, nicht ideologische oder mental-konzeptuelle Wirkung. Demnach kann ein Gebäude religiös sein unabhängig von irgendeiner bestimmten traditionellen Religion, einfach weil es auf seine eigene Weise bereits das ist, was hier im aktualisierten Sinne unter religiös verstanden wird. Religiös ist nicht ideologisch oder dogmatisch, religiös ist, was den Menschen sich selbst und der ihm innewohnenden Wahrheit näher bringt.

Unter diesem Aspekt ist natürlich vieles aus dem ersten Absatz sofort zu revidieren, denn es gibt auch unter religiösen Bauwerken viele, die diesem Ansatz bereits folgen, den ich objektiv nennen will — weil er nicht von außerarchitektonischen Prämissen ausgeht: Die Pyramiden, die Kathedralen, die Keltenschanzen, zahlreiche (aber bei weitem nicht alle!) Moscheen, Zengärten und die buddhistischen Tempel und Stupas können als bekannte Beispiele hierfür dienen.


Noch einmal: Religiosität wird nicht aufs Bauwerk projiziert, auch nicht durch den plumpen baukastenartigen Schematismus von Kirchturm oder Moschee oder Tempel, sondern das Gebäude erzielt eine objektive (von jedem Menschen in der Regel sehr ähnlich empfundene) Wirkung. Ich gehe noch weiter: Genau das halte ich für religiös, weil es nicht mental induziert ist — während ich alles das, was mental induziert ist, von vornherein für nicht religiös oder nur für im alten, ideologischen Sinne religiös halte.


Nun wäre freilich noch zu zeigen, daß so etwas möglich ist. Welche Art von Gebäuden, Fassaden, Innenräumen, Fenstern und Türen, Fluren und Gängen bringt den Menschen sich selbst und der ihm innewohnenden Wahrheit näher? Kreuzgänge wurden früher (und werden in neuKlöstern, zum Teil heute noch) für den pragmatischen Zweck benutzt, zu dem sie urspünglich konzipiert waren: Sich zu besinnen; eine Weg-Etappe ruhig und ungestört abschreiten zu können — unterstützt von regelmäßig sich ablösenden Säulen, unterstützt von beruhigenden, mittig bzw. konzentrisch angeordneten Deckenmustern. Die Eingänge zu den Kathedralen kennt jeder: Wer sie durchschreitet und in den großen Innenraum tritt, erfährt eine Weitung, eine Erhöhung, die ihn jedoch nicht den Boden unter den Füßen verlieren läßt, sofern die richtigen Proportonalitätsgesetze gewahrt wurden. Moscheen sind darauf ausgerichtet, auf Teppichen am Boden zu sitzen bzw., zu knien oder sich niederzuwerfen, während die Decke wie ein großes bergendes, aber lichtdurchflutetes Gewölbe den Praktizierenden schützt und zur inneren Sammlung geleitet. Buddhistische Stupas symbolisieren — aber nicht intellektuell, sondern energetisch — eine bestimmte gebündelte, zentrierte Kraft, die der Meditation entspricht. Zugleich leitet die Spitze die Kraft nach oben ab bzw. empfängt sie wechselseitig von ab; unten stellt das quadratische Fundament eine sichere, im Boden fundierte Verankerung und Konsolidierung dar.

Geomantische Kraftlinien und neu Kraftverhältnisse, seien sie von der Erde vorgegeben oder vom Menschen auf günstige Weise verstärkt und gebündelt, spielen ebenfalls eine unverzichtbare Rolle. Werden diese Aspekte beachtet, dann wird sich der Mensch gestärkt und gereinigt fühlen. Denn er will spüren, daß er im Einklang mit dem Ganzen lebt — nicht jämmerlich abgetrennt und davon verstoßen. Auch die Natur hat hierzu ihren unverzichtbaren Platz: als Gartenanlage, womöglich auch als Begrünung innerhalb der Gebäude, als Wasserspiel, als Sichtpanorama, das weit in die Landschaft hinausreicht.


Das alles sind natürlich nur fragmentarische Aspekte, die im einzelnen genauer abzuhandeln wären. Jedes Bauwerk wirkt auf seine Weise. Proportionen wirken, Materialien wirken, Symmetrien und Asymmetrien wirken, Licht wirkt, Raumklang wirkt, Farben wirken. Es ist spannend, hierzu noch weitere Beispiele zu finden und ihren tieferen Gesetzmäßigkeiten auf die Spur zu kommen.

Tatsache ist, und darauf wollte ich hinaus, daß alle diese genannten Wirkungen unabhängig von spezifischen ideologischen Traditionen sind, sondern sie funktionieren völlig ohne Worte, daher in jeder Sprache und sogar in jeder Kultur. Ich sehe den Menschen aus seiner Mitte, vom Bauch her lebend: wahrnehmend, fühlend, reagierend und sich freudig einbringend — nicht vom Kopf her, der seine Meinungen und Ansichten der Welt mißmutig aufzupfropfen trachtet. Das hat noch nie etwas verbessert (von den altbekannten Auswüchsen ganz zu schweigen), und eine fortentwickelte Menschheit wird sich davon befreien, weil sie es nicht mehr nötig hat, die Sache verkehrt herum aufzufassen.

Eine neue Religion ist die harmonische, fruchtbare und inspirierende, den Menschen zu sich selbst führende Gestaltung der Umwelt: Ist harmonisches Bauen, harmonisierendes Ritual, harmonisches Leben und Erleben in offenen, hellen, weiten Räumen — physikalisch wie geistig. Wer das erlebt, weiß — und muß nicht mehr glauben müssen.

— Gerd-Lothar Reschke —
1.8.2002

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