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Mehr als ein neuer Bau:
Ein geistiger Impuls von Bedeutung


Gedanken zum Wohn- und Gewerbehof "Prisma" in Nürnberg


von
Gerd-Lothar Reschke




Wir sind eigens von München nach Nürnberg gefahren, um diesen Bau, der uns empfohlen wurde, anzusehen, und ich muß sagen: Es hat sich gelohnt! Ausgerechnet in Nürnberg, jener Stadt, die sonst von der Last deutscher Geschichte ziemlich beschwert wirkt, und deren Gebäude eher in Richtung massiv, wuchtig, düster tendieren, findet sich ein architektonischer Lichtblick, um den es andere Stadte mit Sicherheit beneiden werden.

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Und noch scheint nichts Ähnliches in Sicht — und so muß man sich also nach Nürnberg aufmachen, in Richtung Hauptbahnhof fahren, dann vor dessen Front rechtshändig dem Straßenzug noch etwas weiter folgen bis zum Plärrer. Dort biegt man links ab und erblickt an der Ecke Rothenburger Straße eine ungewöhnliche, in freundlichen Farben leuchtende Fassade sowie ein spitz vorstoßendes Glasgebilde.


Fällt bereits beim ersten Anblick von der Straßenfront auf, wie der Architekt geschickt die drohende Eintönigkeit der langen Front zu abwechslungsreichen Akzenten hin auflöst, so erfährt der am Haupteingang eintretende Besucher die eigentliche Überraschung in Form eines — nicht atem-raubenden, sondern atem-gebenden — Innenbereiches. Dieser Innenbereich, der aus einem ungewöhnlich luftigen, weiten und hellen, mit Glas überdachten Innenhof besteht, wird sich wohl jedem unvergeßlich einprägen, der ihn einmal in Ruhe hat auf sich wirken lassen.

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Ungewöhnliche, abwechslungsreich abgestufte, in angenehm warmen Farben gehaltene Holzstreben stützen das in luftigen Höhen befindliche Schrägdach aus Glas, während unten und an den Seitenwänden sofort die von Wasserläufen erzeugten Klang- und Erfrischungseffekte die Aufmerksamkeit wecken.


Joachim Eble, der neuArchitekt, arbeitete mit dem Gestalter Dreiseitl zusammen, welcher hier eine besondere Eingebung verwirklichte: Anstelle der sonst üblichen Klima- bzw. Lüftungsanlagen, die mit ihren massigen Rohren, Trichtern und von Turbinen herumgewirbelten Luftmassen das Binnenklima eines solchen Raumes nicht erfrischen, sondern für die feine instinktive Wahrnehmung stets unangenehm und künstlich machen, kam hier eine neue Erfindung zur Anwendung: Flächig herabfallendes Wasser löst einen Luftsog aus, der den Raum mit Frischluft versorgt. Und das ohne großen Aufwand: Es werden nur die Pumpen benötigt, die das Wasser ca. 2-3 Meter hoch befördern. Im Winter kann dieses auch zusätzlich erwärmt werden, so daß der Kreislauf einmal zur Kühlung, einmal zur Erwärmung eingesetzt werden kann. Das Wasser ist übrigens ganz normales Regenwasser, welches in einer unter dem Bau befindlichen Zisterne gesammelt wird. Die Biotope von Wasser, Pflanzen, Algen und Moos benötigen keine künstlich aufrechterhaltene Balance, sondern pendeln sich im Laufe der Zeit zu einer natürlichen Einheit ein. Das ist wichtig anzumerken: Dem Konzept liegt kein veräußerlichter Etikettenschwindel zugrunde, kein alibihaftes Anbiedern an biodynamisch-ökologische Modeideologie, sondern der Raum ist ganz einfach in sich intakt, ist gesund und naturgemäß. Was man auch spürt!


Die zwanglose Natürlichkeit neudes gesamten Bauwerks ist es auch, die es so neu, ungewohnt und wegweisend macht. Wir sind ja inzwischen nur noch darauf eingestellt, zu erwarten, daß Innovationen zu einem Mehr an unnatürlicher Technik, einem Mehr an schwergewichtigem Aufwand, aber einem Weniger an Lebensqualität, einem Weniger an Fröhlichkeit, Entspanntheit und Lockerheit führen.
Daß genau diese scheinbar unvermeidliche und zwanghafte Fortschreibung eines unseligen Zeitgeistes umgelenkt werden kann zu einer besseren Vision, einem überraschenden Lösungsweg, und daß wir den Beweis, daß so etwas möglich ist, auch realiter und greifbar, erfahrbar und bewohnbar vor uns sehen, ist das eigentliche Verdienst dieser Anlage.


Sicher gibt es auch hier Geschmacksfragen, die unterschiedliche Reaktionen auslösen, nimmt man einmal die vielen bis ins kleinste Detail durchkonzipierten Stilkapriolen: auf Pfeiler aufgesetzte zusätzliche Holzverkleidungen oder Metallkappen, abgeschrägte Ecken, stufig angeordnete Wände, jalousieartige Blenden — so kommt man nicht umhin, dem Mut und der Konsequenz der Planer höchste Achtung zu erweisen. Denn gerade in Deutschland ist es ja kaum noch möglich, etwas wirklich Ungewohntes und Neues bis zum Ende durchzuhalten, ohne daß es von Aufsichtsgremien und Diskussionsrunden bis zur Unkenntlichkeit zergliedert, kritisiert, totdiskutiert und damit in seinem eigentlichen Kern letztendlich kastriert wird.
Gerade daß in jedem kleinen Detail, in jedem Winkel, in jedem Treppenhaus (bis hin zum Aufbewahrungsplatz für den Müll) ohne Angst und Vorbehalte der gestalterische Wille eingebracht wurde, nötigt Aufmerksamkeit ab und beweist Charakter. Selbst in den Details der künstlichen Bachläufe und Wasserwege — wo Verschlingungen und Ansandungen, die sich in Flußläufen entwickeln, nachgebildet wurden — läßt sich eine Feinarbeit entdecken, die zeigt, daß der Ideenreichtum, der hier investiert wurde, schier unerschöpflich ist.


Mehr als ein paar kurze Blicke werden Sie auf jeden Fall brauchen, um das eigentliche Ausmaß der fleißigen Detailarbeit wahrzunehmen. Durchwandert und umkreist man den Komplex, so entpuppen sich die einzelnen Perspektiven, die sich immer wieder eröffnen, als mit voller Absicht konzipiert — und das ist etwas, das von überragender räumliche Auffassungsgabe und Gestaltungssouveränität zeugt.
Die meisten modernen Bauten verstoßen nämlich gegen jenes subjektive Raumempfinden, das sich hier einen freien Bereich über dem Kopf wünscht, dort eine niedrigere Nische, um sich geborgen zu fühlen, und im Ganzen eine Dimension anregend findet, welche den Betrachter nicht demütigt und klein macht, sondern öffnet, weitet und selbstbewußter fühlen läßt.

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Der Impuls, den wir hier manifest vor uns haben, ist nicht bloß ein architektonischer, sondern ein geistiger. Entscheidend ist, daß so etwas wirklich gemacht worden ist und jetzt da ist! Jeder in Nürnberg kann hier hereinkommen — und hoffentlich werden auch viele andere Neugieriege und Interessierte hier herkommen (zu beachten aber: sonntags geschlossen) und die wichtige Erfahrung machen, wie sich ihre gewohnheitsgeprägte Wahrnehmung durchlüftet und öffnet.


Wie unendlich wichtig ist es, zu zeigen, daß man nicht resignieren muß und sich immer nur den "Sachzwängen" (vorgeblichen oder tatsächlichen) zu unterwerfen hat! Es gibt immer nur wenige echte Akzente in einer Zivilisation — denken wir an den Blauen Reiter oder das Bauhaus. Zu Beginn handelt es sich immer um winzige, scheinbar aussichtslose und einer erdrückenden Übermacht von Durchschnittsklischees gegenüberstehende Versuche. Und ihre Bedeutung wird scheinbar immer zu spät erkannt — jedenfalls was die Allgemeinheit angeht. Aber gerade deshalb sollte man authentische Neuerungen schätzen und registrieren. Mit Geschmack hat das nichts zu tun — es hat mit Authentizität zu tun. Es sind die kleinen Dinge, die die großen beeinflussen.







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— Gerd-Lothar Reschke —
5.7.1998

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