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Einhellige Begeisterung über einen Reinfall

Die neue Münchener Pinakothek der Moderne
(Intellektuelle Architektur III)


von
Gerd-Lothar Reschke




Das eigentlich Interessante ist nicht dieses Gebäude — ein Gebäude, das, abgesehen von den horrenden Kosten, nicht der Rede wert wäre. Sondern bemerkenswert finde ich die einhellige Begeisterung, die es verursachte. Einhellige Begeisterung? Vielleicht ist das die falsche Formulierung, denn es ist noch mehr als das: Alle sind begeistert, alle strömen hin: Tausende, Zehntausende, Hunderttausende — selbst Menschen, die sich sonst weder für Architektur noch für Museen interessieren. Staatsmänner halten Reden, Zeitungen überschlagen sich in Lobeshymnen, auf dem Markt befinden sich bereits etliche Bücher, zum Teil aufwendigste Bildbände. Als gälte es ein epochemachendes Ereignis zu feiern. 8 Euro kostet der Eintritt, dagegen erblaßt jedes Museum alter Meister, selbst wenn dort Van Dyck, Tizian, Rubens und Dürer en masse geboten werden.

Und wo ist der Eingang? Von außen präsentiert sich abweisend ein überdimensionaler, unverputzter Schuhkarton, der, wie von der Moderne gewohnt, den einzelnen Menschen zu einem kümmerlichen Nichts degradiert, das sich demütig-unterwürfig zu nähern und um Einlaß nachzusuchen habe. Pinakothek der Moderne, München

So fühlt sich der Mensch
angesichts dieser Art
von Architektur
(Pfeil weist auf Person
vor dem Eingang)


Ich war drin und schnell wieder draußen, denn ich habe fast nichts gefunden in diesen mit der Faszination und andächtigen Bewunderung aufgekratzter Besucher gesättigten leeren Hallen und Räumen. Eine Stuhlausstellung, aufgehängte Motorräder, ein paar Computer aus den Jahrzehnten der ersten PCs. Schiele und Picasso, dazu ein paar Dreingaben von Marc und Feininger, die offenkundig fehl am Platze waren, weil sie dem Lenbachhaus zuzuordnen sind. Und viele, viele leere Räume, die fast allesamt schlecht geschnitten und enorm hoch waren. Die obligatorische Fotoausstellung mit den Förderturm-Aufnahmen von Becher, die überall dort hergezeigt wird, wo Fotografie als Kunst und Neue Sachlichkeit als Nonplusultra präsentiert wird. Und sonst?

Eigentlich so gut wie nichts — leere Räume, allesamt in Weiß, überhaupt alles in Weiß. Das kennen die Leute so nicht und weil man ihnen jetzt gesagt hat, daß das etwas ganz Besonderes sei, geraten sie außer sich vor Staunen. Mich interessiert hier eigentlich nur eines: Mich interessiert dieser Mechanismus, wie einhellige Begeisterung künstlich produziert wird und wie jeder, mit dem man spricht, sie nachahmt. Wie das funktioniert, merkt man, wenn man eine abweichende Ansicht äußert. Das wird mit Entsetzen und Entrüstung pariert, als hätte man sich die schrecklichste Sünde geleistet. Tabubruch. Es ist Tabubruch, und genau deshalb stimmt der ganze Zirkus um diese Pinakothek der Moderne nicht! Über Geschmack kann man streiten, aber ein Tabu ist etwas ganz anderes. Tabus sind Denk- und Fühlverbote, und Tabus kündigen Mißbrauch an. Hier werden Menschen dumm gehalten und stellen sich selber dumm. Und gerade da, wo es um Modernes geht, und gar noch um moderne Architektur, kumuliert das besonders stark.

Nun könnte man dieses von Stephan Braunfels entworfene Gebäude schnell vergessen, weil ja nichts darin ist und weil es keine Botschaft transportiert. Da gibt es nichts zu finden! Aber wenn in unserer Gesellschaft so getan wird, als sei genau das unsere Zukunft, als lägen genau hier die besonderen Inspirationen und Visionen, die Werte und die Perspektiven, dann gibt das doch zu denken. Sinnvakuum wird als Sinn verkauft. Wertvakuum wird als Wert dargeboten. Das Neue ist etwas Besonderes, nur weil es neu ist. Dann ist mit Menschen, die auf so etwas hereinfallen, alles möglich.

— Gerd-Lothar Reschke —
5.10.2002



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