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Mahnmal am Olympiazentrum

Eine Betrachtung zu energetischen Zusammenhängen


von
Gerd-Lothar Reschke



Ausgehend vom Dach des Münchener Olympiastadions spannt sich ein mächtiges Trägerseil über den Mittleren Ring Richtung Norden. Darunter erstreckt sich eine weite, freie Platzfläche: für eine Brücke eine bemerkenswert großzügige Anlage. Kaum einer wird sich dem Eindruck entziehen können, den diese Fläche hervorruft: Hier sammelt sich offenkundig Kraft an, die sich unterhalb des Dachausläufers und entlang des Trägers aufbaut. (Um das nachvollziehen zu können, ist es selbstverständlich nötig, den Ort real aufzusuchen; das untenstehende Foto vermag die Atmosphäre dieser Lokalität nur begrenzt und aus einer einzigen Sichtposition wiederzugeben.)

Dort, wo das Trägerseil verankert ist, strömt also Kraft hin, und genau dort befindet sich das Mahnmal für die Opfer des Terroranschlags bei der Olympiade 1972. Dieses Mahnmal ist als Block, als Sperre konzipiert, wie an meinem Foto im Hintergrund vor der Baumgruppe einigermaßen zu erkennen ist.


Vorplatz zum Münchener Olympiazentrum, Blick nach Norden, Mahnmal der Opfer des Anschlags 1972



Aber warum als Sperre? Was hat sich der Künstler dabei gedacht, und was haben sich die Verantwortlichen der Stadt dabei gedacht, als sie sich zu dieser Art von Gestaltung entschlossen? Es geht um Trauer, um Besinnung, um innere Sammlung. Interessant ist, was hier unter energetischem Gesichtspunkt unter Sammlung verstanden wird: Ein Behindern, ein Aufsaugen, ein Schwächen. Das Mahnmal soll die entstehende Kraft abschneiden und aufhalten.

Ich bin mir sicher, daß die Gedanken, die ich hier äußere, keinem dieser Leute in den Sinn gekommen sind, sondern daß das alles aus unbewußten Motiven und Antrieben heraus so gekommen ist, wie man es jetzt betrachten kann. Aber gerade deshalb schreibe ich es hier hin. Als Beispiel, als Parabel, als Thema zu eigenen Untersuchungen, eigenem Nachdenken und selbst gefundenen Aufschlüssen. Zugleich bin ich mir darüber im klaren, daß hier sofort die stärksten unterschwelligen Tabus berührt werden: Juden, Opfer, Schuld, Kraft, Gewalt, Tod.


Was benötigt würde, wäre das genaue Gegenteil dessen, was hier zu sehen ist: Klarheit über den energetischen Fluß, statt dessen Vertuschung und Tabuisierung; Klarheit und mutige Gestaltung beim Umgang mit der Kraft des Lebens selbst. Denn Kraft ist überall vorhanden, und wo sie sich, so wie hier, sammelt und konzentriert, gehört ein wacher Umgang dazu, um mit ihr zurechtzukommen.

Also wäre das genaue Gegenteil einer solchen Gestaltung vonnöten: Ein Punkt, der Kräfte aufnimmt und bewußt macht und sie den Menschen, die sich dort aufhalten, zuführt. Auch auf die Gefahr hin, daß sie sich wieder "schuldig" machen — denn nur Verantwortung läßt wachsen, Abwehr und Verdrängung nicht.

Wäre es falsch, dann ein solches, positiv aufgeladenes Mahnmal dieser Erinnerung zu widmen? Hier sehen wir, wo die Schwierigkeiten sind: Dazu wäre bisher noch keiner in diesem Land imstande. Denn er müßte sich auf einen starken Standpunkt stellen, auf einen Standpunkt der Souveränität und Freiheit, und von diesem Standpunkt aus könnte er dann Mitgefühl zeigen: Echtes Mitgefühl, nicht Schuldgefühle.


Aber die Menschen hier haben noch Angst, so zu empfinden. Sie haben Angst, so zu bauen. Sie haben Angst vor Kraft, und sie scheuen die Energien, die das Leben mit sich bringt.

Wichtig ist, solche Dinge erst einmal wieder neu zu spüren und zu entdecken. Sich gewahr zu werden über die Verhältnisse, in denen wir uns befinden; offen zu werden für die Strömungen, die dort wirken. Wenn dieser Schritt getan worden ist, folgt der Rest nach. Das Gestalten adäquater Bauten ist dann nur noch die logische Folge.

— Gerd-Lothar Reschke —
22.5.2003

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