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Begegnung mit Kultur —
Ein neuer Ansatz


von
Gerd-Lothar Reschke



Den folgenden Beitrag schrieb ich vor einiger Zeit für das neuIDEENMAGAZIN. Inzwischen fällt mir aber auf, wie gut er als Anregung für die Öffnung der persönlichen Wahrnehmung geeignet ist. Alles, was hier steht, läßt sich ausgezeichnet auf Architektur übertragen.

Die Entfaltung der persönlichen Wahrnehmung ist das Wichtigste — ohne sie kann nichts Konstruktives passieren. Der erste und entscheidende Schritt besteht darin, sich von aufgepfropften Prägungen, von all dem hineingestopften Wissen und Hörensagen freizumachen und sich auf die eigene Fähigkeit zur Beobachtung zu besinnen.


Herkömmliche Kultur-Führungen vollziehen sich fast immer nach folgendem stereotypen Muster: Die Reisegesellschaft begibt sich an den fraglichen Ort, in ein Museum, eine Kirche, ein Schloß oder auf einen Platz, schart sich um den Leiter, und dieser legt los: 'Sie sehen hier ....' Was folgt, ist eine mehr oder weniger trockene Übermittlung von Informationen. Die Teilnehmer an diesem Ereignis bekommen vom Führer erklärt, was sie sehen, werden auf bestimmte Augenmerke hingewiesen, erhalten Hintergrundwissen mitgeteilt. Dieses Hintergrundwissen enthält Einordnungen in Epochen mit Jahreszahlen, Namen von Personen, Künstlern usw. Wir brauchen das nicht weiter auszuführen, denn Sie kennen es vermutlich aus eigener Erfahrung zur Genüge.



Daß es auch ganz anders gehen kann, soll im nun folgenden Text dargestellt werden. Dieser neue Ansatz basiert auf der Prämisse, daß am wichtigsten bei einer Führung die eigene Wahrnehmung des Teilnehmers ist. Um die Entfaltung dieser eigenen Wahrnehmung geht es hier. Interpretation oder Faktenwissen haben die Eigenschaft, sich zwischen diese Wahrnehmung zu schieben und sie größtenteils zu ersetzen. Der Betrachter sieht dann nicht mehr das, was er sieht, sondern das, was er erklärt bekommt, daß er sieht bzw. zu sehen habe. Dieser Vorgang des Bewertens bestimmter Wahrnehmungen, des Etikettierens von Eindrücken mit Wissensfakten und des Ausfilterns aller übriger Eindrücke ist typisch für unsere gewohnten Kulturführungen.



Einfaches Beispiel: Sie zeigen jemand eine Kirche und sagen: 'Das ist eine Kirche aus dem 17. Jahrhundert im Barockstil.' Der Betrachter sieht dann zum einen das Gebäude, das Dach, das Portal, die Skulpturen usw., zum anderen denkt er sofort: 'Aha, ja, ja, das ist die Kirche aus dem ... im ... -Stil.' In diese Idee der Kirche ordnet er seine Wahrnehmungen ein. Ob z.B. neben der Kirche ein Baum steht und ob dieser Baum frisch erscheint oder müde und verbraucht oder absterbend, interessiert im Kontext der Kirchen des Barockstils nicht weiter. Oder ob ihn, wenn er die Kirche betritt, ein Gefühl von Unwohlsein überkommt oder ein Gefühl von bodenständiger Ruhe oder ein Gefühl von Nach-oben-Gezogen-Werden, wird dann ebenfalls als Randphänomen betrachtet werden — falls Derartiges überhaupt noch bewußt wahrgenommen wird.



Der neue Ansatz verzichtet erst einmal auf die Hintergrundinformationen. Er baut auf den eigenen Wahrnehmungen der Teilnehmer auf. Der Teilnehmer wird angehalten, zuerst eigene Beobachtungen zu machen. Nun ist das Geschick und der Einfallsreichtum des Leiters gefragt, denn dieser hat es in der Hand, durch intelligente Hinweise Interesse und Kooperationsbereitschaft wachzurufen.



Ein Beispiel hierfür: Die Gruppe steht in Rom am Eingang des Petersplatzes. Der Leiter gibt folgende Fingerzeige:

Gehen Sie so über den Platz, wie es Ihnen selbst am geeignetsten erscheint. Versuchen Sie, die Atmosphäre des Platzes aufzunehmen. Achten Sie dabei besonders auf Ihre Raumwahrnehmung. Lassen Sie dazu Ihre Augen ungefähr in waagerechter Höhe und registrieren Sie den Eindruck der Gebäude und der Umgebung eher peripher, anstatt auf einzelne Objekte zu starren. Dann versuchen Sie herauszufinden, an welcher Stelle des Petersplatzes Sie sich subjektiv am stärksten und zentriertesten fühlen.

Wir treffen uns dann am rechten Hauptportal, wo wir unsere Beobachtungen austauschen werden.


Bei einer solchen Themenstellung empfiehlt es sich, den Teilnehmern für die Zeit der Ausführung ihrer Beobachtungen nahezulegen, sich nicht zu unterhalten, sich ferner auch nicht durch vordergründige Dinge wie Reklamen, laute Geräusche oder ähnliche Störungen ablenken zu lassen.

Eine weitere, anschließende Übung mag dann für den Innenraum der Peterskirche gegeben werden:

Gehen Sie einzeln durch die Peterskirche und beobachten Sie, welchen Eindruck der Raum bei Ihnen hervorruft. Lassen Sie auch hier Ihre Augen ungefähr waagerecht. Versuchen Sie des weiteren herauszufinden, wie der Boden auf Sie wirkt, ob er z.B. stabil und gegründet wirkt oder schwankend oder unsicher. Suchen Sie dann auch in der Kirche wieder 'Ihren' Platz, an dem Sie sich am meisten gestärkt und gefestigt fühlen. Bleiben Sie eine Zeitlang an diesem Platz und versuchen Sie, ohne in den Innenraum der Kirche hineinzustarren, das Ganze der Kirche zu erfassen und auf sich wirken zu lassen.'


Es zeigt sich, daß derartige praktische Ausführungen für die Teilnehmer viel interessanter sind als die herkömmliche intellektuelle Berieselung: Auf einmal sind sie selbst viel mehr gefragt und können aktiv werden. Das gelangweilte Herumstehen und entmündigende Sich-Eintrichtern-Lassen des Führerwissens entfällt, die passive Konsumentenhaltung wird zugunsten einer kooperativen Mitwirkung verschoben.

Hinzu kommt, daß die Teilnehmer nicht selten eine überraschende Entdeckung machen: Viele der bekannten und als kunsthistorisch wertvoll gerühmten Bauten weisen eine ganz spezifische Wirkkraft auf, die nur nicht-intellektuell erfaßt werden kann. Nehmen wir einmal den Petersplatz und den Petersdom: Ganz unabhängig vom persönlichen religiösen Bekenntnis haben wir es hier mit einem Energie- und Raumphänomen zu tun, das von der Architektur und Kunst absichtlich intendiert ist und darauf hin konzipiert worden ist, jenseits des denkenden Verstandes bestimmte Gefühle, Empfindungen und Wahrnehmungen bei jedem hervorzurufen, der diesen Ort aufsucht.

Man kann das vergleichen mit einem Beispiel aus der Musik: Barockmusik etwa löst ebenfalls eine ganz bestimmte Wirkung beim Zuhörer aus, die schon beinahe zwangsläufig auftritt und bei den meisten Menschen relativ übereinstimmend empfunden wird. Ebenso gibt es Kirchen — als Beispiel wären die Kathedralen zu nennen —, Schlösser — beispielsweise Versailles —, Plätze — beispielsweise der Königsplatz in München, der Petersplatz, die Place Vendôme —, Straßenzüge, Parkanlagen, Innenhöfe, die ihre spezifische Wirkung oder Energie entfalten, sobald man sich dort befindet und genügend empfänglich darauf zu reagieren vermag.

Ich sage: Auf genau diese Wirkung kommt es eigentlich an, genau diese Wirkung ist Sinn und Zweck dieser Anlagen — und nicht, Auslöser zu sein für heruntergebetete Daten, Fakten, Kategorien und Anekdoten der Kunstliebhaber.



Der lebendige Eindruck ist es, der für den Kunstreisenden zählen sollte, und nicht das aufgenommene Faktenmaterial. Der lebendige Eindruck, der als Ergebnis einer bestimmten Herangehensweise, einer bestimmten Auseinandersetzungen mit dem Betrachteten aufkommt. Einer Auseinandersetzung, die Gewahrsamkeit und Offenheit fördert und erzieht. Aber wenn wir das einmal zugrundelegen, dann kann in dieser Richtung noch viel, viel mehr getan und erfahren werden, dann harren noch ganz unbekannte, vergessene Schätze der Entdeckung!

Fakten wird ein Kunstführer dieses neuen Ansatzes dann liefern, wenn sie zu unseren selbständig gemachten Erfahrungen so dazupassen, daß sie unser Erleben ergänzen und vertiefen können und ein echtes Verständnis bewirken. Er mag dann anmerken, daß die Peterskirche auf einem unterirdischen Flußlauf errichtet wurde, oder daß der Boden einer bestimmten Kathedrale, der uns so fest, stark und kraftvoll erschien, identisch mit einer jahrtausendealten Kultstätte ist.



Vielleicht sind Sie nun neugierig geworden und hätten gerne weitere Beispiele für diese andere Art des Herangehens an Kultur. Warum nicht?

Wenn Sie in der Nähe einer bedeutenden Bildergalerie wohnen — und wenn nicht, so gelangen Sie vielleicht auf Reisen einmal in eine solche —, dann machen Sie vielleicht folgendes Experiment:

Sie gehen hinein, vergessen aber am besten schon am Eingang jeden Anflug von 'Das ist Kunst', 'Das ist wichtig', 'Davor muß ich Respekt haben'. Geben Sie Ihre Wahrnehmungskategorie auf, Sie müßten die Bilder irgendwie interessiert oder ehrfurchtsvoll betrachten oder etwas Bestimmtes dazu denken oder einen bestimmten Rhythmus der Beobachtung einhalten. Stellen Sie sich vor, Sie wären irgendwo, aber nicht in einem Museum.

Bleiben Sie nicht andächtig stehen, sondern bringen Sie sich in Bewegung. Lösen Sie sich von den Bildern, gehen Sie daran vorbei. Bleiben Sie erst dann stehen, wenn Sie etwas wirklich interessiert. Soviel als Vorbereitung.

Nun folgende Übung: Finden Sie heraus, welches Bild in Ihnen das stärkste Gefühl auslöst, mit Ihnen selbst zu tun zu haben. Versuchen Sie herauszufinden, um was für ein Gefühl es sich dabei handelt. Falls Sie bei einem Bild denken, es könnte das richtige sein, aber noch unklar sind, denken Sie nicht weiter darüber nach, sondern gehen Sie weiter. Lassen Sie die Bilder ziemlich rasch an Ihnen vorbeiziehen. Wenn wieder eines kommt, das in Ihnen etwas auslöst, bleiben Sie eine Weile stehen, registrieren Sie Ihr Gefühl, und gehen Sie dann zurück zu dem Bild, das Ihnen vorher am stärksten vorgekommen war. Vergleichen Sie die beiden Eindrücke

Nach einer Zeit werden Sie Ihre Wahl getroffen haben. (Treffen Sie die Wahl keinesfalls durch Nachdenken, sondern über Ihr Gefühl.) Gehen Sie dann noch einmal zu dem betreffenden Bild, schauen Sie es an, und identifizieren Sie noch einmal das gewisse Gefühl, das Ihnen hierbei auffiel.



Ein weiteres Beispiel: Unser Führer nimmt uns mit zu zwei unterschiedlichen Gartenanlagen, einem Garten in englischem und einem Garten in französischem Stil. Sowohl im einen wie auch im anderen Garten stellt er folgende Aufgabe:

Gehen Sie einzeln durch den Garten. Folgen Sie Ihrem ganz persönlichen Orientierungssinn. Finden Sie heraus, welche Wirkung der Garten auf Sie ausübt: Belebt oder erfrischt er Sie, gibt er Ihnen Ruhe und Zufriedenheit, oder fühlen Sie sich verloren, desorientiert, geschwächt. Beobachten Sie des weiteren die Wirkung der Skulpturen und Statuen, die dort anzutreffen sind. Was lösen die Figuren in Ihnen aus?

Nachdem die Teilnehmer ihre Erfahrungen gesammelt und schließlich einander mitgeteilt haben, gibt der Leiter folgende Erläuterungen:

Die meisten von Ihnen haben gesagt, daß der Garten im französischen Stil Ihnen kalt und abstrakt vorgekommen ist. Auf der anderen Seite fühlten Sie sich hier auch wiederum gefestigt und sicher, während in dem englischen Garten eine gewisse Orientierungslosigkeit aufkam. Bedenken Sie nun, daß beide Gartenstile verschiedenen Epochen zuzuordnen sind. Der französische Garten-Stil entstand ursprünglich während der Renaissance. Die Menschen besannen sich damals auf die Tugenden der Griechenzeit und betonten eigenständiges Denken, Kontrolle der eigenen Emotionen und Begierden durch den Verstand. Statt sich, wie im Mittelalter, in demütiger Hingabe einem Glauben unterzuordnen und durch Gebet und Opfer der Erlösung entgegenzustreben, übten sie rationale Disziplin und aufklärerisch-kritische Eigenständigkeit. Dies wird sehr gut am Bild des Gartens verdeutlicht, der genau geplant und abgezirkelt angelegt worden ist. Die Natur wird hier dem Denken des Menschen untergeordnet. Die Ästhetik ist eine geometrische und geordnete.

Der englische Stil löst die Beherrschung der Natur scheinbar auf. Aber auch hier wurde planend und disziplinierend in die Natur eingegriffen, nur ist das auf den ersten Blick nicht so leicht zu merken. Wenn Sie z.B. hier diesen Blick auf die Statue nehmen, so wurden die davor stehenden Büsche und Baumgruppen entfernt bzw. genau so gepflanzt, daß eine verlängerter Durchblick ermöglicht wird; die rechts und links stehenden Pflanzungen sind gezielt als Einrahmung der Durchsicht konzipiert worden. Somit ist auch der englische Garten kein natürlicher, sondern ein künstlicher Garten. Aber er erzielt eine völlig andere Raumwirkung als der französische. Man kommt sich zwar freier und erfrischter, dafür aber auch etwas verloren vor. Es gibt hier keine Mitte, keinen zentralen Punkt.

Denken Sie noch einmal über die Unterschiede zwischen beiden Gärten nach, die ja auch Unterschied im Denken der Menschen symbolisieren. Was meinen Sie, welcher von diesen Ansätzen Ihnen heute mehr sagt?


Wir könnten zahllose weitere Beispiele anführen. Nur um einmal ein paar mögliche Richtungen und Augenmerke zu skizzieren:
Der Führer sucht mit der Gruppe erst eine Romanische Kirche, dann eine Gotische Kathedrale, dann eine Barockkirche auf. Bei jeder Kirche hält er die Teilnehmer dazu an, sich nur auf die eigenen Empfindungen zu verlassen. Sie sollen nicht versuchen, mit den Augen auf bestimmte Figuren oder Bilder zu starren, sondern immer nur den Gesamteindruck des Raumes und Gebäudes von innen wahrzunehmen. Am Ende werden die Beobachtungen ausgetauscht.

Eine andere Übung besteht darin, daß die Teilnehmer die Aufgabe erhalten, in einer der ältesten christlichen Kirchen einer Stadt selbstständig die ihnen am kraftvollsten erscheinenden Stelle aufzusuchen. Damit ist gemeint, sie sollen, bloß auf ihr inneres Empfinden achtend, durch den Raum gehen und während dieser Zeit in sich hineinspüren, ob sie sich ruhig oder unruhig, sicher oder unsicher, behaglich oder unbehaglich fühlen. Auch hierbei werden zum Schluß die Beobachtungen mitgeteilt; es können dann einzelne der gefundenen Raum-Punkte zusammen aufgesucht und noch einmal genauer verglichen werden.



Stets hat höchste Priorität das eigene Empfinden, die eigene Wahrnehmung — vor jeder Interpretation, vor allen von außen hereingebrachten Kategorien und Wertmaßstäben. Was ist gut, was ist schlecht — was wirkt schön, was häßlich — das sollte man selbst beurteilen lernen, anstatt nach öffentlich etablierten Wertmaßstäben zu fragen oder sich davon irritieren zu lassen:

  • Was für ein Gefühl löst diese Kirche in uns aus: ein heiteres, leichtes Empfinden, oder ein schwerer, niederdrückendes, oder ein klärendes, erhebendes?
  • Ist der Raum bergend oder verwirrend? Fühlen wir uns darin gut oder ungut? Gefällt er uns oder nicht — und warum?



Man hat Ihnen eingeredet, solche Urteile seien sehr subjektiv und daher weniger verläßlich? Nur "objektive" Ansichten seien das? Und diesen Unsinn glauben Sie etwa? Was meinen Sie, woher diese "objektiven" Ansichten herstammen? Von Leuten, die den eigenen Standpunkt als "richtig" definieren, aber das, was Sie wahrnehmen, als "falsch", da nicht sanktioniert. Alle Wahrnehmungen sind subjektiv, und je subjektiver, desto wahrer. Wichtig ist, daß wir lernen, selbst wahrzunehmen, daß wir unsere Wahrnehmung mehr und mehr öffnen. Dann kann es sein, daß wir auch anders zu handeln beginnen. Wenn wir begonnen haben zu spüren, daß wir uns in einem bestimmten Raum beengt und bedrückt fühlen — auch wenn wir nicht so genau wissen, weshalb —, dann liegt es nahe, einen solchen Raum zu verlassen. Aber wenn wir uns vielleicht in unserer eigenen Wohnung auch so ähnlich fühlen und dies nun ebenfalls wahrnehmen — warum sollten wir nicht daraus Konsequenzen ziehen und uns eine andere Wohnung suchen?



Es kann auch sein, daß wir sensibel für Dinge werden, die in einem Gebäude 'hinter den Kulissen' stattfinden: daß wir etwa in einem Universitätshörsaal das Gefühl bekommen, die Atmosphäre wäre erstickend und steril. Wäre es nicht richtig, auch darüber nachzudenken? Wenn wir uns irgendwo nicht glücklich fühlen, warum gehen wir dann nicht dorthin, wo wir uns stark und erfüllt fühlen?

Und weiter: Würde eine hinreichend große Zahl von Menschen beginnen, ihren eigenen Empfindungen mehr zu trauen, kämen dann weiterhin Bauwerke zustande, die den meisten Menschen Gefühle von Ohnmacht und Wertlosigkeit vermittelten? Wohl läßt sich das alles nicht auf einen Schlag korrigieren und umändern; aber könnte es nicht sinnvoll sein, einmal damit anzufangen, sich wieder mehr im (eigenen) Wahrnehmen von Qualität zu schulen, und dann nach und nach, dort, wo wir verantwortlich sind, solchen Dingen Priorität und Gültigkeit einzuräumen? Oder anders gefragt: Wenn die Griechen und Römer, die Mayas und Ägypter das konnten, wenn die Kloster- und Kirchenbaumeister das ebenfalls konnten — warum sollten nicht auch wir das (wieder) können?

Vielleicht verstehen Sie jetzt, was die Apostel des "Richtig-und-Falsch" eigentlich im Schilde führen. Denen geht es gar nicht darum, Ihnen zu helfen, das Wahre vom Falschen, das Gute vom Schlechten zu unterscheiden — es geht ihnen bloß darum, Sie unmündig zu halten. Es gibt genügend Wichtigtuer und Gesinnungsprofis, die sehr wohl ein gehöriges Interesse daran haben, daß Sie Ihren eigenen Wahrnehmungen weniger trauen als ihren "Wertmaßstäben" und "Kriterien". Es gibt aber, denn sonst wäre das so nicht möglich, auch genug Menschen, die sich solche Autoritäten suchen oder jemand erst dazu hochstilisieren, weil sie zu unsicher und ängstlich sind, um sich auf sich selbst zu verlassen. Das sind dann die Leute, die in Ratgebern nachlesen, was man essen sollte, weil sie ihrem eigenen Appetit und Geschmack nicht trauen.

Der neue Ansatz, der hier vorgestellt wurde, zielt geradewegs gegen diese sattsam bekannte Art von Expertentum. Er möchte Ihnen den Mund wäßrig machen für neue Erfahrungen, neue Beobachtungen, neue Interessen. Ist es nicht kurios: Genau in dem Augenblick, wo man sich auf die eigene Empfindung zu verlassen beginnt, fängt die Sache an, viel mehr Spaß zu machen. Genau in dem Augenblick, wo das eigene Denken von den oberlehrerhaften Denkschablonen entrümpelt wird, die gerade hier in Deutschland und Mitteleuropa so mächtig sind, und frische Luft hereinzuwehen beginnt, öffnet sich erst das eigentliche Sinnesorgan, das diese Materie zu erfassen beginnt: Auf einmal ist es, als sähe man die Dinge zum ersten Mal; als entpuppte sich eine ganz neue, unbekannte Wahrheit, und auf einen Schlag würden alle Dinge dieser Welt sie selbst, in ihrer eigenen, zauberhaften, unberührten und fragilen Schönheit.

Da, wo wir echt werden, werden auch die Dinge echt.
Und waren wir alle nicht schon ursprünglich echt,
bevor wir es vergaßen?

Das Echte kommt wieder hervor, denn es war nie verloren —
es kann nicht verloren gehen, weil wir es sind und bleiben.
Aber der Schutt und Schmutz darüber muß weggeräumt werden.
Der Schutt und Schmutz ist all das, was nicht wir selbst sind,
sondern was andere uns über uns selbst und die Welt erzählt haben.

— Gerd-Lothar Reschke —
15.7.1997

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