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Wohnhaus Bogenhausen-Nord

Die sogenannte Moderne und meine Kritik dazu
(Intellektuelle Architektur II)


von
Gerd-Lothar Reschke




Die letzte Veranstaltung der Architektour, auf die ich vor drei Jahren geraten war, hatte ich bereits extrem kritisiert. Heute gelangte ich wiederum auf eine, und zwar sah ich ganz hier in der Nähe in der Vandalenstraße (nomen est omen) ein modernes Haus vorgestellt. Im Gegensatz zu damals kamen aber noch viel mehr Besucher, etliche Hundert, die sich durch die Räume, Gänge und Treppenfluchten preßten. Wiederum derselbe Menschenschlag: So gut wie alle in Schwarz gekleidet und mit bleicher Haut; warme Farben waren nicht vertreten (außer bei mir und einer einzigen Dame); ansonsten war bestenfalls hie und da ein Dunkelblau oder kaltes Rot zu entdecken. Es ist schon verblüffend, wie durchgehend diese Merkmale auftauchen, wenn man diese Kreise zu tangieren beginnt.

Entsprechend das Haus. Für mich ein einziger Witz, aber ein sehr schlechter Witz. Praktisch unbewohnbar. Glas, unverkleideter grauer Beton, Stahlträger. Das Hauptmerkmal dieser Herangehensweise ist abweisende Kälte, hinzu kommen spitze, scharfe Ecken und Kanten. Keine Wohnräume für Menschen, nichts Warmes, Angenehmes, Freundliches. Die Bewohner sahen genau so grauweiß und fahl aus wie die Besucher, das Fachpublikum.


Es bringt eigentlich nichts, zu der Sache überhaupt noch etwas zu sagen. Ich könnte mich jetzt in vernichtender Kritik ergehen. Ich könnte darüber lästern oder meiner Verwunderung Ausdruck verleihen, daß so etwas als modern gilt und daß sich immer noch so viele Menschen hypnotisieren lassen von einem vermeintlichen Trend: Je menschenverachtender, je mehr aus einer puren, weltfremden Verstandesabstraktion heraus geschaffen, desto interessanter und fortschrittlicher. Ich könnte Prognosen ausgeben, daß man in ein paar Jahrzehnten über so etwas mitleidig lächeln wird und es als Eskapade einer überzüchteten Einseitigkeit betrachten wird.

Nur — leider ist das Ganze bloß traurig. Auch die Kritik daran wird niemand glücklicher machen.

Deshalb möchte ich hier meine eigene Haltung der Kritik kritisieren bzw. genauer untersuchen. Es ist mir längst klar, daß das, was ich hier bei dieser Führung gerade gesehen und miterlebt habe, nur Ausdruck einer allgemeinen Ratlosigkeit und Hilflosigkeit ist — einer Abwesenheit von Werten. Werte wie Religiosität, Mitmenschlichkeit, Warmherzigkeit, Sinn, Zuversicht, Geborgenheit, Zufriedenheit — wenn so etwas verloren gegangen ist, dann fühlen sich die Menschen zum einen sicher nicht besser, zum anderen werden ihre künstlerisch gestaltenden Vertreter nur genau dasselbe wiederspiegeln: allgemeines Unbehagen, allgemeines Nichtwissen. Daher dieser resignative Beigeschmack, das Grau, das Schwarz, die Zigaretten, die eingefallenen Augenhöhlen, die ungesunde Haut.

Indem man diese Leute heruntermacht, hilft man ihnen nicht, sondern stößt sie nur noch weiter in den Dreck. Ja, man bestätigt im Grunde nur ihre Einstellung, ihr Bild von der Welt und vom Leben: dieses düstere, graue, aussichtslose Bild, in dem sie ja tagein tagaus vegetieren. Diese Menschen sind bereits kritisch genug, sie sind bereits durch und durch kritisch allem und jedem gegenüber — sie jetzt noch zu kritisieren, würde nur heißen, mit schwarzer Farbe auf Schwarz zu malen.

So betrachtet, ist dieses Haus und sind seine Planer und Erbauer nichts, worauf man herunterschauen sollte, sondern es ist besser, mitzuleiden und betroffen zu sein — betroffen darüber, daß nichts Besseres möglich ist. Da ist zuwenig getan worden und ich fühle mich selbst daran mitschuldig. Solange Menschen nicht positiver und zuversichtlicher, nicht fröhlicher und lebensoffener gestalten und bauen können, ist von denen, die hierzu hätten beitragen und ihre Ideen, ihre Anregungen, ihre produktiven Vorschläge dazu hätten einbringen können, sehr viel versäumt worden.


Denn: Im Unterschied zu meiner Beurteilung vor drei Jahren bin ich inzwischen überzeugt, daß gute Ideen, gute Anregungen nicht verlorengehen. Die Ansicht, das würde ohnehin alles ignoriert, weil die Gesellschaft und diese angebliche Moderne so etwas einfach nicht wünschten, halte ich inzwischen für falsch. Selbstverständlich kann ich diese intellektuellen Planer nicht überreden oder zwingen, meine Denkweisen, meine Wahrnehmungen, meine Einstellungen zu übernehmen. Es geht mir hier nicht um Konkurrenz oder um Machtkämpfe, um Manipulation, um ein Sich-Behaupten gegenüber anderen. Sondern wichtig ist, zu erkennen, daß hier ein Defizit herrscht. In sehr vielen Bereichen unserer Kultur herrscht zur Zeit leider ein erschreckendes Defizit. Die Leute wissen es nicht besser und sie können es nicht besser. Sie meinen, es müßte so sein — und mehr sei einfach nicht drin!

Genau hier liegt die Aufgabe jener, die weiter sehen und denen mehr zu Gebote steht — jener, die Sicherheit haben, inmitten einer allgemeinen Verunsicherung und Unsicherheit und Ratlosigkeit. Sie müssen das, was sie wissen, veröffentlichen und mitteilen. Sie müssen es einspeisen in den allgemeinen Kreislauf. Sie müssen den Werten, die sie gefunden haben, die Möglichkeit geben, sich in diesen unterschiedlichen Kontexten und Wirkungsfeldern des Lebens — die keiner, wirklich keiner, kontrollieren könnte und nach eigenem Willen steuern könnte! — ihren Weg zu bahnen.

— Gerd-Lothar Reschke —
29.6.2002



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