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Farbe in Kunst und Architektur

Über die Hintergründe der Farbbedeutungen


von
Dr. Peter Hawel



INHALT


Der nachfolgende Text wurde als Lesebeispiel aus dem Buch neu"Lexikon zur Kunst und Geschichte abendländischer Kultur" von Dr. Peter Hawel entnommen, das inzwischen im Hawel-Verlag erschienen ist. Pfeile verweisen auf weitere, hier nicht wiedergegebene Themenbereiche des Buches. Näheres zum Buch siehe:


zu: Lexikon zur Kunst und Geschichte abendländischer Kultur (HAWEL-VERLAG)

Dr. Peter Hawel:
Lexikon zur Kunst und Geschichte
abendländischer Kultur
(Hawel-Verlag)





Farbbedeutungen und ihre Anwendung in der Kunst

Die Anwendung von Farbe finden wir seit der Beginn der menschlichen Kultur, wodurch die Bauten und künstlerischen Werke — von der Keramik bis zur Marmorfigur — aller Stilepochen bis herauf ins 19. Jh. , gestaltet und geprägt wurden. Nur ganz kurze Stilepochen oder bestimmte künstlerische Techniken verzichteten vollständig auf die Farbe; —> Monochrome Malerei, —> Kupferstich, —> Grisaille, —> Radierung, —> Reproduktionstechniken, —> Spätgotik.

Grundsätzlich diente die einfache Farbigkeit der Gegenstände, Räume oder Textilien (Kleidung) dazu, dem Gefärbten oder Bemalten eine neue Bedeutung oder Qualität zu verleihen, die durch seine natürlichen Eigenschaften oder Formen nicht gegeben sind oder waren. In dieser Hinsicht gleicht die Farbe dem —> Ornament, das ebenso dem Geschmückten eine neue Bedeutung oder Eigenschaft verleiht und es dadurch aus seiner alltäglichen Umwelt heraushebt; durch Farbe und Ornament konnte man also Gegenstände, Räume oder Menschen von ihrer alltäglichen, gewöhnlichen Aufgabe unterscheiden und sie als etwas "Außergewöhnliches" kenntlich machen bzw. erkennen.

Indem beispielsweise die Menschen der vorgeschichtlichen Epoche einen Knochen mit Ritzornamenten verzierten, wurde er aus der Masse der Knochen hervorgehoben, er bekam eine hinweisende oder verweisende Eigenschaft, er bekam einen Zeichen- oder Bedeutungscharakter. Ähnliches läßt sich auch von anderen Gegenstände sagen. So waren beispielsweise purpurgefärbte Textilen ein Vorrecht und "Erkennungszeichen" der Kaiser und Könige oder ein aufwendig gefärbter Federschmuck zeigte den Indianer als Häuptling.
Auch die farbenfrohen Trachten der Völker und Stämme dienten dazu, die Träger als Mitglieder einer bestimmten Gemeinschaft zu erweisen. Alle Rangabzeichen wie farbige Wappen, Fahnen, Uniformen oder Standesrequisiten beruhen letztlich auf einer solchen Bedeutungsverleihung, auf einer solchen Möglichkeit, das "Außergewöhnliche" kenntlich und somit erkennbar zu machen.

In allen Kulturstufen der Menschheit bis zum Ende der Barockzeit wurden Farbe und Ornament grundsätzlich dazu verwendet, um das Bemalte oder den Geschmückten als Träger, als Repräsentant einer anderen Wirklichkeit als der des Alltags kenntlich zu machen, wobei diese neue Wirklichkeit letztlich eine ideelle, eine geistige gewesen war. Man denke nur an die Bemalungen von Menschen und Gegenstände vorgeschichtlicher Zeiten zum Zwecke des religiösen Kultus, an die Aufgabe der Farbe in der christlichen Liturgie oder die farbigen, meist goldenen oder anderweitig kostbar geschmückten Kleider und Requisiten monarchischer Herrscher bis hin zum Schloßbau und Park; überall dienten die Farben, die besonderen Materialien, die festgelegte äußere Form des Bauwerkes, der Ritus und die Zeremonie, dazu, eine andere, eine ideelle oder geistige Wirklichkeit zu repräsentieren, was vor allem dadurch erreicht wurde, daß man durch diese Aspekte eine Beziehung zum Kosmos hergestellt und begründet hatte.


So sind die Farben bereits in der sumerischen Kultur mit dem Kosmos, mit den Planeten in Verbindung gebracht worden, denn die sumerisch- babylonischen Welttürme (Zikkurate), teilweise auch die sumerischen Stadtmauern waren mit den sieben kosmischen, planetarischen Farben geschmückt. Schwarz versinnbildlichte den Saturn, Dunkelrot den Jupiter, Hellrot den Mars, Gold die Sonne, Weißgelb die Venus, Blau den Merkur und Silber den Mond. Ähnlich werden die sieben Mauern des Paradieses im Islam geschildert; sie bestehen aus Silber, Gold, Chrysolith, Perlmutt, sowie einer anderen Perlmuttart, Rubin, und glänzendem Licht.

Auch in China besaßen bestimmte Farben einen kosmischen Bezug. So waren beispielsweise den vier Himmelsrichtungen und Jahreszeiten bestimmte Farben zugeordnet: Norden – Schwarz, Süden – Rot, Osten – Grün, Westen – Weiß, die Farbe des Himmels aber nannten die Chinesen Farbe des Ursprünglichen.


Für die abendländische Kultur sind folgende Farbbedeutungen wesentlich:

Blau: Wahrheit, Offenbarung, Frömmigkeit, Farbe des Himmels im Sinne der großen weibl. Gottheiten; (Große Mutter); seit dem 15. Jh. wurde Maria mit blauen Mantel dargestellt.

Braun: Erde, Abtötung, Demut; in dieser Bedeutung häufige Farbe von Mönchskutten.

Gelb: das helle Gelb wurde der Sonne zugeordnet und besagt Geistigkeit, Glaube, Güte; das dunklere Gelb brachte man mit Ehrgeiz, Untreue und Verrat in Verbindung. Seit dem Laterankonzil von 1215 galt ein dunkelgelber Stern als Zeichen der Juden; auch die Ketzer wurden in dieser Farben gemalt.

Grün, eine mehrdeutige, den Gegensatz in sich tragende Farbe, denn sie entsteht aus Mischung von Blau und Gelb. Tod und Leben, Hoffnung und Verrat; auch paradiesische Fülle und Torheit versinnbildlicht es; in der christlichen Liturgie wird Grün bei nicht näher bestimmten Festen und Festzeiten getragen. Der Hl. Dreifaltigkeit, dem Hl. Geist und Johannes Ev. wurden im Mittelalter Grün zugeordnet; fahles Grün dagegen dem Teufel.

Purpur: seine Färbung reicht von dunkelrot über violett bis hin zu schwarz: Leben, Blut, Königtum sind seine wesentlichen Bedeutungen. Antike Kaiser trugen ihn ebenso wie die jüdischen Hohenpriester. Auch am jüdischen Stiftungszelt und Tempel war Purpur angebracht.
Der rot-violette bzw. hochrote Purpur kirchlicher Würdenträger fußt in der Bedeutung des Martyriums. Bei der Überreichung des Kardinalshutes wird ausdrücklich darauf hingewiesen: "daß du bis zur Vergießung des Blutes für die Erhöhung des hl. Glaubens" usw.

Rot: Steht für die Sonne, den männlichen und kriegerischen Bereich. Leidenschaft, Energie, Glaube und Edelmut werden zudem mit Rot in Verbindung gebracht; als apotrophäische Farbe bereits in der Antike verwendet. Der jüdische Hochzeitsbaldachin war rot oder zumindest mit roten Fäden durchwoben, ebenso auch der Brautschleier römischen Frauen; —> Baldachin. In der katholischen Liturgie werden Passionsfeste Christi, Feste des Hl. Geistes sowie der Märtyrer in Rot gefeiert.

Schwarz: Chaos, Leere, Tod, Unerbittlichkeit sind die allgemeinen Aspekte. In der Antike ordnete man Schwarz dem Gott Kronos/Saturn zu. In der katholischen Liturgie Farbe der Trauer. Das schwarze Mönchsgewand verweist auf Weltverachtung, Demut und Bescheidenheit.

Weiß: Licht, Sonne, Erleuchtung, Vollendung, gewandeltes Leben, Keuschheit; Sieg des Geistes über die Materie, deshalb kultisches Gewand in zahlreichen Religionen; Totengewand in der Antike. In der christlichen Apokalypse tragen die Gerechten, die Geladenen zur Hochzeit des Lammes weiße Kleider. Als Farbe der Lichtgottheit wird in der kath. Liturgie Weiß bei allen Christusfesten, mit Ausnahme der Passion getragen; —> Liturgische Farben.


Neben dieser Aufgabe der Farben, dem Bemalten eine neue, andere Bedeutung zu verleihen, benutzte man vor allem Farben, um Bauwerken oder Figuren einen dynamischen, gegliederten oder lebendigen Ausdruck zu verleihen, denn nur die lebende Natur ist farbig, die abgestorbene dagegen bleich, blaß und farblos. Die Farbe wiederum wendet sich — im Gegensatz zur Linie und farblosen Zeichnung — an die Sinne, die Gefühle und die Empfindungen, was zu einer unmittelbaren Erfahrung bzw. einem direkten Eindruck führt. Zudem werden durch Farben bestimmte sympathische oder unsympathische, angenehme oder unangenehme Gefühle hervorgerufen; Farben sind an wertende Gefühle bis hin zum Moralischen gebunden. Darin unterscheiden sie sich von der farblosen Zeichnung, von dem farblosen Weiß oder dem lichten Glas, das gerade diesen wertenden Charakter nicht besitzt und mehr der abstrakten Vernunft, dem leeren Begriff oder einer kalten Intellektualität entspricht.

Von ihrer technischen Seite her läßt sich die Malerfarbe wiederum nach ihrer Verwendung und Zusammensetzung unterscheiden. Entweder man benutzt Pigmente, das sind kleinste Teile eines festen Farbstoffes (Gesteine, Mineralien, getrocknete Harze usw.), die durch eine Bindemittel zum Malen geeignet gemacht werden, diese Art finden wir vorwiegend in der sogenannten —> Öl- und —> Temperamalerei, ebenso auch bei den —> Dispersionsfarben, oder aber man verwendet lösliche Farbmittel, meist pflanzlicher Natur. Hier löst sich die Farbe vollständig in der wässrigen Grundlage auf und bewirkt gleichzeitig ein durchdringendes Färben des Gegenstandes. Alle Textilfarben, aber auch die Aquarell- und Freskotechnik beruhen auf diesen Lösungsfarben; —> Aquarell, —> Fresko, —> Stuck.

In ihrer künstlerischen Anwendung wiederum sind mehrere Gesichtspunkte bei den Farben möglich. Man kann die Farbe dazu benutzen, um die Eigenart des Dargestellten deutlich zu machen, so beispielsweise durch ein besonders Rot die Weichheit des Samtes. Hier ist die Farbe der Darstellung untergeordnet, weshalb man vom Darstellungswert der Farbe spricht. Dominiert dagegen die Farbe über den Gegenstand, tritt sie selber mehr in den Vordergrund, wie beispielsweise bei Gemälden der Impressionisten, dann spricht man allerdings vom Eigenwert der Farbe. Wenn die Farbe aber der Form untergeordnet bzw. ein harmonisches Verhältnis zwischen Form und Farbe errreicht worden ist, wie etwa bei den Gemälden der Hochrenaissance, so kann man diese Anwendung als Formwert der Farbe bezeichnen, wobei im Idealfall die Farbe zur Form führt und nicht die äußere Form mit Farbe bedeckt wird; dies wäre letztlich nur ein Anmalen oder Zudecken mit Farbe, was dem Wesen der Farben grundsätzlich widerspricht.

Dieser Aspekt ist vor allem bei einer farbigen Architektur zu berücksichtigen, die keinesfalls nach dem Motto des —> Funktionalismus ("die Funktion führt zur Form") geschaffen sein kann bzw. die Farbe nachträglich zur Belebung hinzugefügt werden kann, denn bei einer wirklich organischen Architektur führt die Farbe zur Form.



Farbigkeit der Architektur und Bauskulptur

Im Gegensatz zur gängigen Vorstellung, die lange Zeit auch durch die Wissenschaft gedeckt war, glaubte man und glaubt noch, daß die Bauwerke der Vergangenheit, z.B der dt. Renaissance, der Gotik ,—> Kathedrale, der Romanik oder der griechischen und römischen Antike (Tempel, Villen, usw.) nicht bemalt oder zumindest einzelne Bauteile nicht farbig gefaßt waren. Vor allem Winkelmann und der —> Klassizismus vertraten im Gefolge der Renaissancekünstler, —> Paragone, die Theorie einer "weißen Antike". Diese Vorstellung einer farblosen Antike bzw. Architektur entsprach und entspricht nämlich den ästhetischen Vorstellungen kunstgeschichtlicher Forschung sowie dem Erkenntnisideal einer intellektuellen Bildungsschicht, die beide in der abstrakten Vernunft und Intellektualität die einzig angemessene Quelle menschlicher Erkenntnis sehen, was zu einer Bevorzugung der abstrakten Linie, farblosen Zeichnung und klaren Form führte; —> Materialgerechtigkeit, —> Funktionalismus.

Im Gegensatz dazu steht die scheinbar niedere menschliche Erkenntnisfähigkeit, die auf einer sinnlichen Farbigkeit bzw. der dadurch ausgelösten Empfindungen und Gefühle beruht; —> Farbe. Aber literarische Quellen und neuere, nach Farbspuren untersuchte Funde belegen nicht nur die Farbigkeit der Bauten, sondern auch eine teilweise Bemalung antiker Figuren. Bereits 1830 hatte der Architekt J. Hittorf in seinem Werk, "De l'Architecture polychrome chez les grecs", auf die Farbigkeit griechischen Bauten hingewiesen, doch erst die Ausgrabungen in Pompeji, Paestum, Selinunt oder anderen Stätten antiker Kultur, mit farbigen Resten an Bauteilen und Figuren, ließen diese Ansichten wenigstens in der Fachwelt zur unbestrittenen, aber kaum über den Horizont der Wissenschaft reichenden These werden, denn heute noch werden weitgehend die Werke ohne Rücksicht auf ihre ehemalige Farbe interpretiert, noch hat sich die Einsicht einer farbigen Architektur und Plastik im Bewußtsein des kunstinteressierten Publikum festgemacht. Dennoch war die gesamte Kunst von der menschlichen Frühzeit bis zum Ende des Barocks weitgehend farbig gestaltet.


Betrachten wir dazu einige Beispiele der griechisch-römischen Antike. In der griechischen Archaik (7.Jh.) schuf man bereits Tempelbauten mit bemalter —> Terrakotta, so das Geloer-Schatzhaus in Olympia oder der Tempel in Thermos. Seit dem 6.Jh. v.Chr. aber wurden in der Regel die steinernen Tempel teilweise bemalt, frühestes Beispiel der Aphaia-Tempel von Aigina, um 570 v.Chr. Häufig wurde der Marmor sogar mit einer feinen Stuckschicht überzogen. Vor allem die Bereiche der —> Kapitelle und des —> Gebälkes der Tempel waren mit z.T. kräftigen Farben (weiß, gelb, blau, rot) gestaltet und somit ausgezeichnet. Auch konnten die Tempelgiebel kräftig blau oder orange bemalt sein, um einen deutlichen Hintergrund für die davor angebrachten Figurengruppen zu schaffen. So faßten die Athener den Giebel des Erechteion, einen Tempel zu Ehren des Heros Erechtheus, blaugrau und stellten davor die weißen Marmorfiguren, in die Kapitelle dieses Tempels fügten sie sogar verschiedenfarbige Glaseinlagen ein. Grundsätzlich waren bei antiken Tempeln die —> Kapitelle, die —> Triglyphen, das —> Gebälk sowie die —> Akrotere auf dem Tempeldach aber auch der Tempelgiebel farbig bemalt, nicht selten schmückte man auch die Figuren oder die Basen der Säulen mit Farben.

Was zur Farbigkeit griechischen antiker Bauwerke gesagt worden ist, kann grundsätzlich auf die gesamte Antike und die Werken nachfolgender abendländischer Stilepochen übertragen werden. Die Römer benutzten für ihre Bauten sehr ausgiebig die Farbe, besaßen sie doch neben dem griechischen Vorbild eine eigene Tradition in der etruskischen Kunst, denn die Tempelbauten jener Kultur waren außen reich und kräftig bemalt, zumindest aber ihr Terrakottaschmuck an der Dachtraufe und dem First; —> Etrusker. Die Ausgrabungen in Ostia, Rom, Herkulaneum oder Pompeji belegen eindeutig die Farbigkeit römischen Bauten, die teilweise sogar auf den Außenputz des Gebäudes gemalte Fugennetze oder gemaltes Netzmauerwerk, —> Opus rectitculum, besaßen, um so dem Bau den Anschein eines Hausteinwerkes, —> Haustein, zu geben. Ebenso malte man Marmorsockel, Gesimse usw. über Fenstern und Portalen, wobei zur Verlebendigung der Architektur zusätzlich verschiedenfarbige und unterschiedliche Baumaterialen verwendet wurden.

Im allgemeinen waren die römischen Bauten, vor allem aber die öffentlichen Bauwerke — meist aus —> Ziegel errichtet — mit wertvolleren verschiedenfarbigen Gesteinsplatten (Marmor, Tuff usw.) versehen, —> Inkrustation, um so den Eindruck des Wertvollen zu erwecken. Heute noch weisen die gleichmäßig angebrachten Löcher in den Ziegelmauern antiker Bauten auf die ehemalige Verkerbung der Marmor- oder Tuffplatten hin. Den Jupitertempel auf dem Capitol schmückten die Römer sogar mit vergoldeten, ehernen Dachziegeln, selbst die Basen und Kapitelle der Säulen glänzten in der Farbe des Goldes bzw. des Jupiters. Auch das Pantheon war einst mit vergoldeten Platten bedeckt und die innere Kassettendecke farbig bemalt, ebenso das Gebälk des sogenannten —> offenen Dachstuhles in den römischen Basiliken.


Doch auch bei älteren Kulturen war die Farbigkeit der Bauten und Figuren üblich, so die Tempel, Figuren und Reliefs der Ägypter oder die Werke der Sumerer, Babylonier, Assyrer und Perser; hier wurden vor allem farbige Fliesen mit reliefartigen Ornamenten und Darstellungen von Tieren und Pflanzen verwendet. Waren die Bauten der alten Kulturen, einschließlich der klassischen Antike, außen farblich gegliedert und ornamental geschmückt, so trifft dies noch in weit größerem Maße auf die Innenräume zu.

Man denke nur an die erhaltenen Malereien der minoischen Paläste auf Knossos, die herrlichen Fresken etruskischer Gräber oder die bemalten Wände antiker Villen, wie sie teilweise noch in Pompeji oder auf dem Palatin, das sogenannte Haus der Livia, erhalten sind. Eine besondere Vorliebe besaß die römischen Antike für die —> Mosaiken, mit denen sie Fußböden, Wände und sogar Decken schmückte, wobei ganze "Geschichten" in den Mosaiken dargestellt wurden, so in den herrlichen Mosaiken der Villa von Piazza Amerina auf Sizilien.

Erstaunlicherweise bemalte man in der Antike auch die marmornen oder bronzenen Figuren, um so den Eindruck des Lebendigen zu erwecken. Bei menschlichen Darstellungen war zumindest das Haar und die Augenbrauen in realistischer, naturalistischer Manier bemalt, ja es konnten sogar künstliche Augenwimpern eingesetzt sein; auch die Schamhaare waren farbig angedeutet. Um einen lebendigen Eindruck der Haut bzw. des Inkarnates zu erreichen, wurden die heute so bewunderten grauen Marmorstatuen mit einer entsprechenden getönten Wachsschicht überzogen. Figuren aus porösen Stein oder gebrannter Terrakotta, —> Tangrafigur, dagegen waren vollständig mit einer Stuckschicht versehen und gänzlich bemalt. Der Augapfel der antiken Figuren konnte gemalt, aus Email oder Halbedelsteinen geschaffen sein, wodurch die Figur einen sehr lebendigen Ausdruck bekam. Die kleinen Vertiefungen in den Augäpfel antiker Marmorfiguren zeugen heute noch von ehemaligen wertvollen eingesetzten Materialien, aus denen die Augen geschaffen waren.


Bei Bildwerken des Hellenismus finden wir ebenfalls die kräftige Farbgebung der klassischen und archaischen Antike, doch auch mit einer pastellartigen Farbigkeit — Purpur, Hellblau und Rosa — wurden die Figuren bedacht. Selbstverständlich war auch die Vergoldung der Figuren üblich; ein Luxus, dem die Römer gerne frönten. Die Lebendigkeit und Bedeutung der Bildwerke konnte zusätzlich noch durch die berühmte Chryselephantin-Technik, —> Chryselephantin, erreicht werden, wie sie bereits in der griechischen Kunst seit dem 7.Jh.v.Chr. vor allem bei Götterbildern üblich war. Hier wurden z.B. Gesicht, Hände und Füße der hölzernen oder marmornen Figur mit Goldblech und Elfenbein belegt, so die berühmte Zeusstatue des Phidias im Tempel zu Olympia oder die vom gleichen Künstler geschaffene Kultstatue der Athena Parthenos, die etwa mit einer Tonne Gold (abnehmbare Goldplättchen) versehen gewesen sein soll. Selbst Glasteile verwendete Phidias bzw. seine Werkstatt für die Götterbilder. Dieser Brauch und die Technik der Chryselephantie wurde bei Götter- und Herrscherfiguren auch während des Hellenismus und der römischen Antike gepflegt.

Dazu kam noch, daß man die Götterstatuen mit besonderen Textilien ehrte, die ihnen zu Prozessionen oder anderen Feierlichkeiten umgelegt wurden, —> Bekleidete Figuren. Die Reliefs römischen Sarkophage waren grundsätzlich farbig gestaltet; gerade im Sepulkralbereich zahlreicher Kulturen finden wir eine reiche Farbigkeit. Was hier für die griechischen und römischen Antike gesagt worden ist, läßt sich auch für Werke anderer und älterer Kulturen sagen, selbst Figuren aus dem frühen Paläolithikum, etwa 30 000 v.Chr., waren bemalt, so beispielsweise die berühmte "Venus von Willendorf".


Für die abendl. Epoche sei als besonders Beispiel nur auf die Farbigkeit der gotischen Kathedrale näher eingegangen, denn sie wird heute weitgehend im farblosen und gereinigten Zustand des 19. Jh. gesehen und erlebt. Bereits Viollet-le-Ducs, der als Architekt während des 19.Jh. die bedeutendsten franz. Kathedralen restaurierte bzw. reinigte und ergänzte, erwähnt für die Kathedralen und ihren Figuren zahlreiche Farbspuren, sowohl für die Außenwände als auch für den Innenraum, doch zu einer Rekonstruktion der Farbigkeit konnte er sich noch nicht entschließen. Im allgemeinen waren die —> Kapitelle, teilweise auch —> Dienste, vor allem die —> Rippen des Gewölbes farbig gefaßt, die Gewölbefüllwände zumindest im Chor wiederum mit goldenen Sternen auf blauen Grund geschmückt. Die wenigen Figuren im Innern der Kathedrale waren ebenfalls mehrfarbig, wie die heute noch erhaltenen Chorfiguren (13.Jh.) im Dom zu Naumburg oder die Figuren und Blattornamente des dortigen Lettners anschaulich zeigen. Die Wände konnten mit aufgemalten Fugen versehen, oder die tatsächlichen Fugen farblich leicht von der Wand abgesetzt sein; teilweise war auch die ganze Wand leicht getönt.

Wie farbig gotische Sakralräume gewesen sein können, zeigen uns die vollständig bemalten und ausgemalten Kapellen, Sainte Chapelle in Paris und die Kapelle der Burg Karlsstein bei Prag. Ihre prächtige Ausmalung und Ausstattung mag sicherlich von ihrer besonderen Funktion, eine Art gebautes Reliquiar für Christusreliquien (Sainte Chapelle) bzw. für die Herrscher- und Krönungsinsignien des dt. Kaisers (Burg Karlstein) bedingt gewesen sein, dennoch verweisen sie auf die farbige Gestaltungsmöglichkeit gotischer Innenräume hin. Abgesehen von der ursprünglichen natürlichen Helligkeit der Außensteine gotischer Kathedralen, waren auch hier Farbgebungen möglich. Vom Straßburger Münster ist uns sogar ein zeitgenössischer Plan für die mehrfarbige Fassung der Außenwände bzw. der gesamten Westfassade erhalten, wobei sämtliche Figuren und Ornamente, selbst die Wimperge und Baldachine mit einbezogen sind. Häufig waren die Gewände und die Gewändefiguren an den Portalen farbig hinterlegt bzw. gefaßt, ebenso das darüberliegende Bogenfeld (Tympanon) mit seinen Figuren. St. Denis in Paris (12. Jh.) besaß einst vergoldete Türen (Westfassade), und die Figuren der darüberliegenden Königsgalerie waren in gleicher Zier geschmückt.

Farbreste und Ornamente konnten selbst für die Dachplatten einzelner Kathedralen nachgewiesen werden, vor allem das Dach der Chorpartie war mit farbigen teilweise sogar vergoldeten Dachziegeln geschmückt und ausgezeichnet. Ganz zu schweigen von den mächtigen farbigen Glasmalereien, die das Innere der Kathedrale in ihr Farbenspiel tauchten.

Was hier von der Farbigkeit der Kathedrale gesagt worden ist, gilt in gleicher Weise für die Sakralbauten der Romanik. Die Profanbauten der dt. Renaissance waren außen einst farblich reich gegliedert und geschmückt, die einzelnen Dekorationselemente (Pilaster, Sockel usw.) waren dabei farblich gefaßt, um sich deutlich von der Mauer abzuheben. Die Farbigkeit barocker Bauten und seiner Figuren ist in zahllosen Fällen uns noch so gut erhalten, daß auf einzelne Beispiele nicht eingegangen werden braucht.

— Dr. Peter Hawel —
2.8.2002

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