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Die neuen Euro-Banknoten —
Anmerkungen und Betrachtungen

von
Gerd-Lothar Reschke




Vom Blickwinkel der Architektur aus gesehen ist es schon einmal sehr erfreulich, daß die neuen Euro-Banknoten ausgerechnet Motive der Baukunst aufweisen. Aber bei näherer Betrachtung zeigt sich, daß noch einiges mehr dahintersteckt als nur die Wahl irgendwelcher dekorativer Bilder. Und es geht auch nicht nur um die jedem oberflächlichen Beobachter sofort naheliegende Symbolik von Türen, Fenstern und Brücken.

Es lohnt sich diese Geldscheine einmal näher zu betrachten. Die Abbildungen stammen von der Webseite der Europäischen Zentralbank, wo auch einige weitere Hintergrundinformationen zu finden sind:


Euro-Banknote Euro-Banknote
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Euro-Banknote Euro-Banknote
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Wir haben hier, von oben nach unten fortlaufend, eine schöne Chronologie der europäischen Geistes- und Kunstgeschichte vor uns. Und zwar finden sich genau die markanten Etappen, man könnte sogar sagen Schübe, in denen die Entwicklung sich vollzogen hat:

Selbst wem die Banknoten auf den ersten Blick nicht besonders ansprechend erscheinen mögen, wird bei näherem Studium der ausgewählten Motive nicht umhin kommen, eine tieferliegende Schicht von Sinn und Bedeutung dahinter zu entdecken — um sie dann vielleicht mit anderen, freundlicheren Augen anzuschauen. Denn sowohl die Tür- und Fenstermotive der Frontseiten als auch die Brückenmotive der Rückseiten erfassen stets das Typische der jeweiligen Epoche mit markanten Beispielen.

Personenabbildungen wären mir lieber gewesen, hätten aber wohl angesichts der vielen Rücksichtnahmen auf die bekannt sensiblen Gemüter der verschiedenen Nationen unweigerlich Streit ausgelöst — während die Bauwerke so neutral und doch aussagekräftig sind, daß sich jeder in ihnen wiederfinden kann. Aber gerade die Bauwerke haben, wenn man genauer nachforscht, eine starke Seite: Die Abfolge der Baustile sagt mehr über die letzten 2000 Jahre aus als alles, was man sonst noch hernehmen könnte. Warum das? Auch hier muß man zweimal hinschauen, um zu merken, wie selbstverständlich uns diese Stile vorkommen, und wie tief sie uns doch prägen.

Denn es sind nicht nur Baustile! Jeder Geldschein veranschaulicht so etwas wie einen geistigen Haupteinfluß auf unsere gemeinsame Kultur. Mit den Römern hat es angefangen (die Griechen hätte man sogar auch noch hinzunehmen können, aber dann wäre alles vielleicht zu schulbuchartig und abstrakt geworden) — jedenfalls hat das politisch und sozial Geordnete in Gesellschaftstradition, Kultur, Verkehr und Technologie mit ihnen eine Grundlegung erfahren, die heute noch nachwirkt. Nicht so groß der Übergang dann zum romanischen Stil, aber verinnerlichter, dem frühen Mittelalter gemäß mehr an Kirchen und Klöster erinnernd. Dann der unzweifelhafte Glanzpunkt der Gotik; danach die rationale Klarheit und Ausgewogenheit der Renaissance; danach das Üppige, perspektivisch verfeinerte Schauen und Beschränkungen Transzendierende des Barock. Jedes einzelne Bild scheint eine ganze, vollständige Welt zu erwecken, und macht uns erst die Reichhaltigkeit dieser Epochen bewußt. Welcher andere Kontinent hätte eine solche Aufwärtsfolge von schon allein für sich wie endgültig erscheinenden Kulturformen zu bieten?

Das Maschinenzeitalter wird gut durch die Stahlkonstruktionen auf dem 200er Geldschein veranschaulicht; ebenso die luftige Offenheit und Transparanz der Stiche des 500er Scheines. Zusammen genommen lautet der Eindruck, daß sich jeder mit diesen Motiven wie zuhause fühlen muß. Und daran sieht man, was Architektur leistet. Wir sind nicht nur zuhause in Gebäuden, schreiten durch Tore, blicken durch Fenster oder überqueren Flüsse auf Brücken, sondern wir sind ebenso, und vielleicht sogar noch mehr, zuhause in Kulturen und Stilen, die uns ebenfalls voranschreiten lassen und durch Unklarheiten leiten, über Hindernisse führen und an Zielen ankommen lassen. Und jeder Europäer könnte mit Fug und Recht — gerade angesichts dieser Banknoten — von sich sagen, daß er in sieben Stilen zugleich zuhause sei, die auch heute noch alle gleichzeitig in seiner Lebensumwelt lebendig sind und ihre jeweilige Art von Wirkung entfalten. Das nenne ich Reichtum, kulturellen Reichtum — etwas, das jedem hier zuteil wird — und etwas, wofür wir sicherlich dankbar sein können.

Gerd-Lothar Reschke
6.1.2002

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